
Lebensrealitäten
Warum spezielle Informationen wichtig sind.
Weil ein Leben lang erkämpfte Sichtbarkeit nicht an der Pflegeheimtür enden darf.
Pflege bedeutet für alle Menschen eine große Veränderung. Für queere Menschen und Menschen mit HIV kommt oft etwas hinzu: die Sorge, sich wieder verstecken zu müssen. Viele Ältere in unseren Communities haben Kriminalisierung, Pathologisierung und Ausgrenzung erlebt. Sie haben gelernt, vorsichtig zu sein und Probleme allein zu lösen. Wenn dann Hilfe von außen nötig wird, ist das Misstrauen groß – und es hat gute Gründe:
Die Weltgesundheitsorganisation führte Homosexualität bis 1990 als Krankheit. Der Sorgerechtsentzug von lesbischen Müttern bei einer Scheidung mit dem früheren Ehemann ist bis heute kaum erforscht und dokumentiert. Der § 175 StGB, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte, wurde erst 1994 vollständig gestrichen. Eine Entschädigung für Verurteilte gibt es seit 2017. Das Transsexuellengesetz von 1980 verlangte demütigende Gutachten über die eigene Person – die Pflicht zur Scheidung fiel 2008, die zur Unfruchtbarkeit 2011. Und nicht-notwendige geschlechtsverändernde Operationen an intergeschlechtlichen Kindern sind in Deutschland erst seit 2021 gesetzlich verboten.
Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*- und Inter*-Personen, die heute 70 Jahre oder älter sind, haben einen großen Teil ihres Lebens unter diesen Bedingungen verbracht – und dabei gelernt, gegenüber Ärzt*innen, Behörden und Heimen vorsichtig zu sein.
Was in der Pflege oft anders ist.
Wer in eine Einrichtung zieht oder einen Pflegedienst ins eigene Zuhause lässt, steht vor der Frage: Zeige ich mich? Viele entscheiden sich fürs Verstecken – und verlieren damit ein Stück von sich. In unserer Befragung war den meisten wichtig, in der Pflege selbstverständlich als queere Person leben zu können. Nur wenige wünschten sich, dass niemand davon weiß. Es geht also nicht um Geheimhaltung, sondern um Selbstverständlichkeit.
Enge Freund*innen, Weggefährt*innen, langjährige Partner*innen: Für viele von uns sind sie die eigentliche Familie. Kliniken und Behörden erkennen das nicht automatisch an. Wer nicht verheiratet oder verwandt ist, wird schnell zur „Freundin“ am Krankenbett erklärt und aus Gesprächen herausgehalten. Rechtliche Vorsorge kann das verhindern.
Viele queere Menschen haben keine Kinder und keine Familienstrukturen im Rücken, die klassischerweise Pflege übernehmen. Gleichzeitig sind die eigenen Netzwerke oft gleichaltrig – und werden mit der Zeit selbst hilfebedürftig. Das macht frühzeitige Planung wichtiger als anderswo.
Menschen mit HIV werden heute alt. Damit kommen andere Themen: mehrere Erkrankungen gleichzeitig, Wechselwirkungen von Medikamenten, und die Sorge vor Stigmatisierung in der Pflege. Fachliches Grundwissen zu HIV ist im Regelsystem längst nicht überall vorhanden – wer es nicht antrifft, muss sich erklären, obwohl er gerade Kraft für anderes bräuchte.
In unserer Befragung berichtete fast jede pflegebedürftige Person von Ausgrenzungserfahrungen in den vergangenen fünf Jahren – im Alltag und im Gesundheitswesen. Genannt wurden vor allem Behinderung oder chronische Erkrankung, sexuelle und geschlechtliche Identität, Alter und Aussehen. Die Folgen: Hilfen werden vermieden, Anträge zu spät gestellt, Krisen verschärfen sich.
Diskriminierung in der Pflege lässt sich melden. Aber nur, wenn jemand davon erfährt. Diese Wege gibt es:
- Die Einrichtungs- oder Pflegedienstleitung. Schriftlich, mit Datum und einer konkreten Schilderung. Bitte um eine Antwort innerhalb einer Frist.
- Die Pflegekasse. Sie hat einen Vertrag mit dem Dienst und nimmt Beschwerden entgegen.
- Die Heimaufsicht Deines Bundeslandes, wenn es um eine stationäre Einrichtung geht.
- Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Kostenlos und vertraulich.
- Queere Antidiskriminierungsberatungen in Deiner Nähe. Oft die Stellen, bei denen Du am wenigsten erklären musst.
Notiere, was wann passiert ist und wer dabei war, am besten noch am selben Tag. Solche Notizen sind später viel wert.
Woran Du gute Einrichtungen erkennst
Nicht die freundliche Auskunft am Telefon zählt, sondern das, was sichtbar ist: Kommen queere Lebensweisen im Leitbild, in Flyern oder auf der Website vor? Gibt es geschultes Personal? Werden Partner*innen und Wahlfamilien selbstverständlich einbezogen? In unserer Befragung fühlten sich die meisten zwar respektiert – aber fast alle sagten, dass LSBTIQ* in den Unterlagen ihres Pflegedienstes gar nicht auftauchen. Willkommen sein heißt daher: erkennbar willkommen sein.